Der Hostel-Manager in Cusco hält regelmäßig Ansprachen im Innenhof. Am
einen Tag werde den Urlaubern Hoffnung auf eine Ausreise gemacht, am
nächsten Tag diese wieder zunichtegemacht. So schildert es die Passauer
Studentin Miriam Herzog, die sich seit drei Wochen wie im Gefängnis
fühlt.
Es sollte eine Traumreise werden, drei Monate quer durch Südamerika.
Doch Corona machte sie jäh zum Alptraum: Miriam Herzog (23) ist seit
drei Wochen zur Quarantäne mit 70 anderen Urlaubern in einem Hostel im
peruanischen Cusco gefangen – ja, gefangen. Eine Stunde Hofgang pro Tag,
waffenstarrende Soldaten und Polizisten drohen bei Verlassen des
Gebäudes mit Schüssen, erzählt die Passauer Studentin. Sie fühlt sich
wie im Gefängnis, hat kürzlich einen psychischen Zusammenbruch erlitten.
Wann sie nach Deutschland zurück darf, weiß sie nicht. Und der Alptraum
könnte im schlimmsten Fall noch monatelang weitergehen.
Bedingungen für Europäer unvorstellbar
Eigentlich wollte Miriam nur drei Tage im Hostel bleiben, danach nach
Machu Picchu und schließlich nach Hause fliegen. Jetzt könnte sich ihr
Aufenthalt bis in den Juni verlängern – unfreiwillig. Denn seit Corona
das Hostel vor zwei Wochen erreicht hat, werde der Umgang mit den
Urlaubern zunehmend rabiater. "Die Peruaner denken, dass die Touristen
das Virus eingeschleppt haben", sagt Herzog. Jeder neu entdeckte Fall im
Hostel verlängere die Quarantäne um weitere vier Wochen. "Das kann bis
zu drei Monate dauern, hat der Manager gesagt." Inzwischen seien sieben
Corona-Fälle im Hostel bestätigt worden. "Ich denke aber, dass wir es
alle schon haben oder hatten", erzählt Herzog. Denn Isolation in einem
Zehnbettzimmer sei nicht möglich, die Hygienestandards und
Corona-Testkapazitäten extrem dürftig. Auch wenn sie keine Symptome hat,
würde sie sich gerne testen lassen − um einfach Gewissheit zu haben und
vielleicht endlich nach Hause fliegen zu dürfen. "Aber es werden nur
Leute mit Symptomen getestet."
Die Bedingungen seien für Europäer unvorstellbar. "Wir fühlen uns alle
wie im Gefängnis." Wer das Hostel unerlaubt verlässt, dürfe erschossen
werden, eine Stunde Freigang sei die einzige Möglichkeit, an frische
Luft zu kommen. "Ich habe schon von Fällen gehört, wo Menschen eine
Waffe an den Kopf gehalten wurde." Wer gegen die Corona-Regeln verstößt,
dem drohen Miriam Herzog zufolge bis zu zehn Jahre Gefängnis. Und von
Gefangenschaft habe sie bereits hier im Hostel genug. Für die Passauerin
und die anderen Urlauber ist all das eine große mentale Belastung, wie
sie sagt. Kürzlich hat die Studentin einen psychischen Zusammenbruch
erlitten – und das nicht wegen der 3400 Meter über Meereshöhe, auf denen
die Gebirgsstadt Cusco liegt. Seit drei Wochen muss sie weiter
bezahlen, für Essen, das nicht schmeckt und für eine Unterkunft, die sie
am liebsten sofort verlassen würde. "Ich glaube, dass sie noch Gewinn
mit uns Touristen machen wollen, weil jetzt länger keiner kommen wird."
"Hoffen, dass uns deutscheBotschaft hier rausholt"
Auf den Straßen in Cusco herrscht Panik, Leute in Schutzkleidung würden
aus Angst vor Corona wahllos Chlor auf den Straßen versprühen. Und das,
obwohl es in der Anden-Stadt nur vereinzelte Fälle gebe. Das Militär und
die Polizei würden Lebensmitteltransporten mitunter die Weiterfahrt zum
Hostel verweigern. "Es sind auch schon Mahlzeiten komplett
ausgefallen", erzählt die Studentin von den Zuständen. Der Zugang zu
sauberem Wasser und Nahrung sei stark limitiert.
Peru gilt als sperrig, was Rückholaktionen von deutschen Urlaubern
betrifft. Nicht ohne Grund zählt der Andenstaat zu den Ländern, in denen
noch mit am meisten Bundesbürger festsitzen. "Die deutsche Regierung
will uns abholen, Peru lässt sie aber nicht", bemerkt Herzog. Hier in
Cusco sei von der Rückholaktion der Regierung jedenfalls nichts zu
spüren. Miriam Herzog erlebt die wankelmütige Art der peruanischen
Regierung selbst mit: "Es wird Flugzeugen in Cusco gerne kurzfristig
keine Landegenehmigung erteilt." Bisweilen habe sie das Gefühl, dass die
Peruaner gegen Deutsche einen besonderen Groll hegen. Denn
beispielsweise Schweizer, US-Amerikaner und Argentinier hätten ihr
Hostel-Gefängnis bereits verlassen dürfen und seien in ihr Heimatland
ausgeflogen worden. Und das, obwohl sie weder getestet worden seien noch
die Quarantäne-Zeit von vier Wochen erfüllt hätten.
Immer wieder gebe es Gespräche zwischen der deutschen Botschaft in Cusco
und dem dortigen Gesundheitsminister. Auch sie und die anderen rund 20
Deutschen im Hostel stünden in Kontakt mit der deutschen Botschaft. Am
einen Tag werde ihnen Hoffnung gemacht, am nächsten Tag diese wieder
zunichtegemacht. "Wir hoffen einfach, dass uns die Botschaft bald hier
rausholt."