Binnen weniger Tage kam das öffentliche Leben in einer der am dichtesten besiedelten Städte der Welt zum Erliegen. Zunächst wurden Museen und Lokale geschlossen, anschließend wurden die Büroangestellten, die so genannten „White Collars“, von ihren Arbeitsplätzen nach Hause geschickt.
In New York, das Finanz- und Handelszentrum Amerikas, wütet das Coronavirus.
Am Montagabend waren im gleichnamigen Bundesstaat schon mehr als 21 000 Menschen infiziert, davon 12 399 unmittelbar in der Metropole. Der Times Square und der Central Park sind dieser Tage wie leergefegt – die New Yorker haben sich freiwillig in ihren Häusern eingesperrt. Ärzte machen sich auf das Schlimmste gefasst. Wie der „Big Apple“ die Krise erlebt, haben miur mehrere einfache New Yorker erzählt.
„Big Apple“ wird zur Geisterstadt
„Ich erinnere mich noch daran, wie wir am 7. März in einem Supermarkt
waren und Mitarbeiter die Griffe der Einkaufswagen desinfizierten.
Manche von ihnen trugen Schutzmasken und Handschuhe“, erzählte die New
Yorkerin Elizabeth Orden. „In New York war es noch ruhig, aber die
Menschen waren wegen der Nachrichten nervös.“
Nach ihren Worten traf sie sich mit einer Freundin, und sie besuchten
gemeinsam das Museum of Modern Art und saßen anschließend in einer Bar.
„Es war schon damals merkwürdig still, und es war irgendwie
ungemütlich“, erinnerte sich die Frau. „Es war Donnerstagabend,
normalerweise wimmelt es draußen von Menschen, aber die Bar war fast
leer.“
Die Situation entwickelte sich rasant. Einen Tag später ließ die Firma,
in der Elizabeths Mann arbeitet, ihr Personal von zu Hause aus arbeiten.
Im Büro durfte niemand mehr erscheinen.
Auch die Museen machten massenhaft zu. Die Quarantäne wurde noch nicht offiziell ausgerufen, aber die Situation war deprimierend. Die Saison in Hamptons, einem Badeort bei New York, begann früher als sonst. Die Einwohner verließen die Stadt, und die dunklen Fenster in den Häusern wirkten ebenfalls deprimierend. Auch die Familie Orden zog in einen anderen Bundesstaat.
Die Großstadt mit acht Millionen Einwohnern wurde plötzlich menschenleer. Auf dem Broadway gibt es keine Menschentrauben, und die Treppe auf dem Times Square wurde gesperrt. Irgendwo kann man immer noch einen Saxophonisten spielen hören, dem aber kaum noch jemand zuhört. „Es ist fast wie im Film ‚The Day After Tomorrow‘. New York ist wie ausgestorben“, so Elizabeth.
Die Quarantäne wurde am 22. März verhängt. Nur noch lebenswichtige Betriebe setzen ihre Arbeit fort. Supermärkte, Apotheken, Wäschereien und Tankstellen bleiben offen. Restaurants und Cafés bedienen nur Gäste, die ihre Bestellungen mitnehmen. Einige Buslinien wurden geschlossen, aber die U-Bahn fährt weiterhin.
Ein Freund von Elizabeth, Mitarbeiter der Bank Morgan Stanley, arbeitet immer noch im Büro. Aber jetzt muss er nicht im Gedränge in der Subway fahren – ein kompletter Waggon steht ihm allein zur Verfügung. Das ist aber der einzige Vorteil. Üblicherweise ist die New Yorker U-Bahn sehr verdreckt. Inzwischen scherzt man in der Stadt: Damit die Subway endlich sauber werden konnte, war das Coronavirus nötig. Das stimmt: Die gesamte U-Bahn wurde desinfiziert, und der Geruch dort ist entsprechend.
Nur zum Mitnehmen
Bonnie Linderbaum aus der Upper East Side gehört mit Anfang 70 der
Risikogruppe an. Ihr Wohnviertel ist nach ihren Worten ohnehin eher
ruhig und friedlich, jetzt aber herrscht dort nahezu Totenstille. Aus
dem Fenster ihres Penthouses ist das Empire State Building zu sehen. Auf
dessen Dach gibt es jetzt natürlich keine Touristen mehr. Früher
bestellte Bonnie gerne chinesische Gerichte in Pappschachteln zum
Abendessen. Jetzt hat sie keine andere Wahl, als sie zu bestellen – das
ist nun einmal lebenswichtig für sie.
„Das Leben hat sich über Nacht verändert. Alles hat zu. Menschen bleiben zu Hause und halten Distanz zueinander.“ Auf ihrem User-Bild auf Facebook steht der Hashtag #StayHome It could save lives geschrieben. „Jugendliche nehmen die neuen Verordnungen nicht gerade ernst“, bedauert Bonnie, und das ist ihr zufolge wohl das größte Problem.
Dabei hat sie der US-Regierung nichts vorzuwerfen. Sie befürwortet das
Vorgehen Präsident Trumps und vermutet, dass er in den kommenden Tagen
den landesweiten Ausnahmezustand ausrufen wird. „Er hat die Situation
hervorragend im Griff, die meisten Menschen sind mit seiner Arbeit
absolut zufrieden. Der Präsident zeigt, wie sehr er sein Land und sein
Volk liebt, aber es wäre besser, wenn er noch entschlossener handeln
würde.“
Aber Trump will offenbar nichts überstürzen. Mehr noch: Auf dem Briefing
am 23. März gab er zu verstehen, dass die Beschränkungen nicht lange
dauern werden. „Amerika wird bald wieder offen sein für Geschäfte“,
versprach der Staatschef. „Ich kann Ihnen jetzt sagen, dass ich nicht
mit monatelanger Quarantäne rechne. Wenn man den Ärzten die Möglichkeit
geben würde, würden sie die ganze Welt abriegeln. Das kann zu viel
größeren Problemen führen als wir am Anfang hatten“, so der
US-Präsident.
Mediziner sind aber eher skeptisch. Im Bundesstaat New York gibt es nur
3000 Intensiv-Betten. „Ich würde mich nicht wundern, wenn Menschen
Dutzendweise sterben würden“, sagte der New Yorker Beauftragte für
Gesundheitswesen, Oxiris Barbot.
„Unser Leben ist auf den Kopf gestellt worden“, so die New Yorkerin
Michelle Perricon, die im Dezember ihre Ausbildung zur Krankenschwester
abgeschlossen hatte. „Die USA sind für diese Seuche überhaupt nicht
gerüstet: Ärzte gehen ein großes Risiko ein, weil unsere Schutzmittel
für solche Fälle untauglich sind. Bei einer Freundin von mir, die auf
einer Intensivstation arbeitet, gibt es sie überhaupt nicht mehr.
Außerdem werden wir gezwungen, in Krankenhäusern, wo es
Covid-19-infizierte Patienten gibt, mehr als sechs Stunden lang zu
arbeiten, und die Überstunden werden nicht bezahlt. Alle lizenzierten
Krankenschwestern werden gezwungen, als freiwillige Helferinnen ohne
Entlohnung zu arbeiten. Ärzte, die in den Ruhestand gegangen sind,
werden gebeten, zurückzukehren.“
Michelle ist mit ihrem Freund provisorisch nach Long Island gezogen. Sie
haben ihre Hochzeit für August geplant, ob sie aber rechtzeitig
stattfindet, ist derzeit völlig ungewiss. Das US-amerikanische System
der Infektionsvorbeugung funktioniert nach Michelles Auffassung nicht
angemessen.
„Wenn Sie sich mit den schrecklichen Empfehlungen der US-Regierung
vertraut machen wollen, besuchen Sie einmal die Website des Zentrums für
Kontrolle und Prophylaxe von Erkrankungen. Dort wird empfohlen,
Schutzmasken Nr. 95 (deren Filtereffizienz bei 95 Prozent liegt) durch
Kopftücher zu ersetzen. Das geht doch nicht!“, empört sich die Frau.
Sie und ihre Freunde, junge Amerikaner, sind mit den Maßnahmen der Behörden unzufrieden. Michelles Freund ist Freelancer und hat keine Krankenversicherung, die sein Arbeitgeber bezahlen würde. Und ohne eine solche Versicherung ist es sehr problematisch, medizinische Hilfe zu bekommen. „Leider wird Trump – und wir alle hassen ihn – die nächste Präsidentschaftswahl im November gewinnen. Wir brauchen eine totale Reform des Gesundheitswesens, und diese Seuche bringt auch konservative Wähler zum Nachdenken“, so Michelle.
Außerordentliche Situation
Die Situation in New York ist wegen der enormen Bevölkerungsdichte
(11 200 Einwohner pro Quadratkilometer) umso schlimmer. Das ist doppelt
so viel wie in Moskau. Etwa 30 Prozent aller Covid-19-Tests in dem
Bundesstaat waren positiv, während die Zahl landesweit bei acht Prozent
liegt.
In den USA wurde eine Coronavirus-Erkrankung bei mehr als 46 000
Einwohnern diagnostiziert. 582 Kranke sind gestorben. Die meisten
Erkrankten gibt es in New York. In New Jersey beläuft sich die
Krankenzahl auf knapp 3000, in den Bundesstaaten Washington und
Kalifornien jeweils auf mehr als 2000. Wo die Bevölkerungsdichte
geringer ist, ist die Lage besser: in West Virginia (30 Menschen pro
Quadratkilometer), South Dakota (elf) und Wyoming (sechs) wurden jeweils
weniger als 30 Erkrankungen gemeldet. Vorerst wurden die Einwohner von
16 Bundesstaaten (von insgesamt 50) verpflichtet, zu Hause zu bleiben.
In Washington gibt es 132 Covid-19-Fälle. Dort leben überwiegend Beamte, und ihnen falle es generell leichter, von zu Hause zu arbeiten, erzählt eine Einwohnerin der US-Hauptstadt namens Bella. Supermärkte und Cafés verkaufen Lebensmittel zum Mitnehmen, aber es gebe so viele Bestellungen, dass das Personal kaum noch nachkomme. Panik gebe es in der Stadt jedoch nicht – alle verhalten sich verantwortungsvoll. Besonders beunruhigend sei, dass es unter den Erkrankten Kongressmitglieder gebe: zwei Mitglieder des Repräsentantenhauses und einen Senator. Weitere 33 Kongressmitglieder seien freiwillig in Isolation gegangen.
Quarantäne für Unternehmer
Das gesamte Leben des Landes spielt sich quasi im virtuellen Raum ab.
Für die Unternehmen wird die Pandemie offenbar schwere Folgen haben:
Experten prognostizieren eine verheerende Wirtschaftskrise. Einigen
Schätzungen zufolge haben bereits mehr als 200 000 Amerikaner ihren Job
verloren.
Die Regierung ergreift eilig Maßnahmen: Das US-Finanzsystem wird demnächst Hilfen im Wert von einer Bilion Dollar erhalten. 100 Millionen Dollar wurden für Verlängerung von bezahlten Urlauben für Mitarbeiter von Großunternehmen bereitgestellt.
Im vorigen Jahr wurden lediglich vier Prozent aller Lebensmittel online verkauft. Jetzt aber werden Apps für den Onlinehandel wie Instacart, Walmart und Shipt um 218, 160 bzw. 124 Prozent häufiger heruntergeladen. Fitness-, Joga-, Tanz- oder sogar Radsportklubs bieten ihren Kunden ein Online-Training an, oft sogar kostenlos.
Die Unterhaltungsindustrie stellt sich ebenfalls um. Praktisch alle Konzerte wurden abgesagt, und Stars wie Miley Cyrus, John Legend, Keith Urban, Pink, Hosier, Coldplay treten vor dem Internet-Publikum auf. Am achten Tag der Selbstisolation veröffentlichte das Model Bella Hadid auf TikTok ein Video. Madonna, die nackt in der Badewanne saß, sinnierte darüber, dass es dem Coronavirus egal sei, wie reich und bekannt seine Opfer seien und wo sie leben. In sozialen Netzwerken wird der Hashtag #IStayHomeFor verbreitet. Der Schauspieler Kevin Bacon tut das für seine Frau und Julia Roberts für ihre Familie, für Kleinfirmen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens.
Die Menschen, die mit mir gesprochen
haben, betonen: Die Amerikaner nehmen die Situation sehr ernst. „Niemand
muss gezwungen werden, die neuen Regeln zu befolgen. Die Menschen
verhalten sich absolut verantwortungsvoll“, erläutert Elizabeth Orden.
„Selbst in einem Ballungszentrum wie Manhattan. Hier wird jeder gut
informiert und handelt entsprechend.“